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Bremervörder Anzeiger 21. April 2010
 
 

„... über dem Lager klang ein Lied

 
 

Konzertlesung rührt Besucher in der ehemaligen Lagerküche

 
   
 

Die Sänger des Vokalensemble Harmonie aus St. Petersburg überzeugten in der ehemaligen Lagerküche Sandbostel durch ihr absolut kultiviertes Stimmpotential, mit dem Ziel der authentischen Wiedergabe der russischen geistlichen und weltlichen Musik und russischer Volkslieder. Foto: cm

 
 

Von Carmen Monsees

Sandbostel. An einem historischen Ort, in der ehemaligen Lagerküche des Strafgefangenenlagers Stalag XB, in der Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel, sang sich das Vokalensemble „ Harmonie“ aus St. Petersburg in die Herzen der Zuhörer. Zwischen den einzelnen Darbietungen lasen der Regisseur Till Bergen und der Schauspieler Wolfgang Schenck aus Briefen ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener.

Auf traditionelle russische Art interpretierte das A-cappella- Sextett unter der musikalischen Leitung des Gründers und Dirigenten, Alexander Adrianov, die Sehnsucht nach Heimat und Frieden, Liebe, Glaube und Hoffnung. Die innig gesungenen Lieder berührten die Zuhörerschaft. Vom hohen Tenor bis zum tiefsten Bass überzeugten die Herren der „Harmonie“ sowohl im Gesamtklang des Ensembles als auch bei solistischen Vorträgen durch sein überwältigendes Klangspektrum, seine Klangschönheit und sein enormes Stimmpotential. Die Stärke und Besonderheit des exquisiten Chores, der in seiner heutigen Zusammensetzung seit dem Jahr 2000 konzertiert, liegt darin, dass jeder der Sänger ebenfalls ein ausgezeichneter Solist ist. Allesamt sind sie Dozenten oder Absolventen des Rimskij-Korsakoff-Konservatoriums in St. Petersburg.

Mit ihren ausgebildeten, makellos reinen Stimmen erzeugten sie bei den Zuhörern in der Gedenkstätte Sandbostel ein Gänsehautgefühl. Mit Klängen, tief aus ihrer russischen Seele, transportierte der Chor eine Atmosphäre in das kühle Gebäude der ehemaligenLagerküche, die deutlich machte, dass Musik die Menschen verbindet.
Die von den Schauspielern Till Bergen und Wolfgang Schenck eingeflochtenen, ergreifenden Lesungen aus Briefen von sowjetischen Gefangenen, gingen nahe und schafften zudem eine Vertiefung in das Schicksal der russischen Kriegsgefangenen. Zwischen 1939 und 1945 waren über eine Million Kriegsgefangene aus 46 Nationen im Lager Sandbostel inhaftiert. Viele tausend Gefangene überlebten die Zeit der Gefangenschaft nicht. Sie starben an Hunger, Seuchen oder wurden ermordet.

Wolfgang Schenck las aus dem Brief von Wladimir Michajlowitsch Tolkatschow: „... an einem Augusttag brachten drei Deutsche einen kleinen Soldaten ins Revier, blass und mager. Wir wurden zusammengetrommelt. Sie legten ein paar Kartoffeln vor ihn hin und verkündeten, euer Soldat hat in der Küche Kartoffeln gestohlen. Das hat er zugegeben. Deutsche dulden keine Diebe. Für ein solches Verbrechen hat der Soldat die Todesstrafe verdient und wir werden sie, euch zur Warnung, vollstrecken. Was hat der Soldat dazu zu sagen? Der Soldat gesteht, dass der Hunger ihn zu dieser Untat gezwungen hat. Vor dem Tod möchte er sein Lieblingslied singen. Und er sang, die Stimme war klar und hell. Sie ging in die Höhe und sank ganz tief. Wo nahm er nur diese Kraft her, das abgemagerte Geschöpf. Über dem Lager klang ein russisches Lied, ließ staunen und wundern. Als das Lied zu Ende war, klatschten Gefangene und sogar die Deutschen Beifall. Wir Deutsche schätzen Talente und Kultur, haben Musik und Lieder gern. So wurde der Soldat begnadigt und bekam einen halben Laib Brot vom Deutschen.“

So manchem der nahezu einhundert Zuhörern riefen die Schilderungen aus den Briefen ins Bewusstsein, nur die Bereitschaft der Menschen zur Versöhnung und Vergebung kann Veränderung mit sich bringen und Völker vereinen.
Es war nicht allein die musikalische Leistung, die das Publikum mit großem Beifall würdigte, sondern auch die Herzlichkeit und Wärme, mit denen die Sänger des Vokalensemble Harmonie, den Zuhörern begegneten.

 

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