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3.Mai: Heute habe ich schwer geschuftet. Sehr
müde. Will nicht viel schreiben. Essen nur Graupensuppe, kein Brot,
nichts!
Heute nahmen wir die ersten kranken Häftlinge in Empfang. Englische
Lastwagen und Rot-Kreuz-Wagen brachten sie. Sie lagen auf Tragen. Man
sah eigentlich nur rasierte Köpfe. Alles andere war ganz platt, so
mager! Skelette sind das! 60 bis 80 Pfund sagt ein Sanitäter.
Es sind bisher nur Männer: Polen, Russen, aber auch Holländer,
Belgier, Spanier, Griechen, Juden, Zigeuner, Rumänen, Ungarn. Mehrere
Ärzte und Studierte sind dabei. Sie haben Typhus, Fleckfieber, Ruhr,
Tuberkulose, abgefaulte Glieder, klaffende und total vereiterte Wunden,
in denen oft noch die verrotteten Mullbinden sitzen. Sie liegen ganz apathisch.
Sie sollen zuerst in die Entwesungsanstalt. Einige von uns werden hierfür
eingeteilt.
4.Mai: Heute wieder zwei Baracken gereinigt. So ein Dreck! Wir
können uns überhaupt nicht waschen, sehen aus wie die Schweine.
Als wir einen englischen Offizier baten, uns irgendwo waschen zu dürfen,
schnauzte der, wir sollten uns gefälligst nicht so anstellen. Die
Gefangenen hätten sich jahrelang nicht waschen können.(...)
Eben habe ich mal in der Entlausungs-Station zugesehen, wo die Häftlinge
gewaschen werden, bevor sie in die Baracken kommen. Das ist grausam. Die
Mädchen haben Gummischürzen um und Holzpantinen an. Die Männer
liegen nackt auf den Tischen. Bevor man sie wäscht, müssen die
Verbände abgenommen werden. Meistens werden sie abgerissen. Dabei
schreien sie fürchterlich. Die englische Soldaten stehen Wache, und
manchmal müssen sie die Patienten festhalten oder sie anschnallen.
Mir wurde übel. Ich konnte es nicht mehr ertragen, so viel Elend
zu sehen. Ich bin bei all den Unglück noch froh, dass ich auf die
Typhus-Station gekommen bin.(...)
4.Mai abends: Ich habe mich zu früh gefreut. Es ist grausam
in den Typhus-Baracken. Mir fehlen die richtigen Worte, um all das Elend
zu beschreiben. Das sind ja kaum noch Menschen. Skelette liegen dort,
die aus ihren dreckigen Lagern, von oben bis unten mit Kot beschmiert,
mit riesigen Augen auf uns starren. Ein Gestank!! Überall Kot und
Urinlachen. Vor den Baracken stehen Latrinen. Dort sitzen die Kranken,
die sich noch mit Mühe dorthin schleppen können. Viele jedoch
setzen sich davor auf die Erde, weil sie zu schwach sind, sich auf den
Stangen zu halten. Wie schäme ich mich in diesem Augenblick, Deutsche
zu sein! Was haben wir angerichtet! Und meine Mutter glaubte nicht, dass
Deutsche so etwas täten!(...)
5.Mai: Inge und ich tun unseren Dienst in der Baracke ganz allein.(...)Wir
müssen 103 Patienten betreuen. Morgens um 7 Uhr holen wir Frühstück
aus der Küche. Die ist ca. 15 Minuten entfernt, und wir müssen
durch tiefen Matsch waten, dabei die schweren Kannen mit Grießbrei
schleppen. Und es regnet immer noch in Strömen. Gegen 12 Uhr holen
wir das Mittagessen. Das ist dünner Kartoffelbrei. Zwischendurch
müssen wir den Brei einlöffeln, dann alles abwaschen, saubermachen,
umbetten, übervolle Töpfe ausgießen, Steckbetten unterschieben.(...)
Wenn die Kranken müssen, rufen sie oft: "Schwester! Ich muss
scheißen!" Dann muss ich springen, um schnell mit einem Topf
oder Becken zur Stelle zu sein, sonst stecken sie den Po einfach aus dem
Bett und machen auf den Boden oder auch- wie es passiert ist - dem Unteren
auf den Kopf. Der schreit dann, und wir müssen alles saubermachen.
Aber sie sind ja so unendlich zu bedauern. Heute sind auch zwei Männer
gestorben. Die mussten wir hinaustragen.(...)
Ich hatte vorher noch nie einen Toten gesehen. Heute musste ich gleich
zwei tragen. Als der erste starb, habe ich mich nicht beherrschen können
und bin in Tränen ausgebrochen. Es war ein Grieche, der röchelte
zuletzt immer und trommelte mit der Faust gegen die Wand. Als seine Mitpatienten,
die stehen konnten, mich weinen sahen, grinsten sie. Die haben soviel
gesehen, denen machte das Sterben nichts mehr aus. Und die Engländer
hatten auch ihre Genugtuung, als sie sahen, dass wir nicht wussten, was
wir tun sollten. Man hatte das Gefühl, sie wollten uns strafen, weil
wir Deutsche sind. Kann man ja verstehen. Leute aus dem Dorf holen die
Leichen ab. Sie sollen irgendwo in einer alten Scheune gesammelt und dann
beerdigt werden.(...)
6.Mai: Heute Nachmittag war ich nahe am Verzweifeln. Inge ist nun
auch ausgefallen, und ich stehe ganz allein vor der Arbeit in der Baracke.
Da nun alles langsamer geht, werden einige Patienten ziemlich aggressiv,
so dass ich richtig Angst bekomme habe. Gott sei Dank ist da auch ein
Zimmer, in dem so nette und gebildete Leute liegen. Sie kommen aus Holland
und Belgien. Einige sind Ärzte, und dann ist da ein Rechtsanwalt,
der tröstet uns immer und spricht uns Mut zu. Das muss man sich mal
vorstellen: Der, dem unsere Leute so viel angetan haben, spricht uns Mut
zu! Er meint, was wir hier täten, wäre ganz wunderbar. Aber
es wäre eine große Gemeinheit, dass halbe Kinder das in Ordnung
bringen müssten, was Erwachsene angerichtet hätten. Dieser Mann
hatte nur eine Bemerkung gegen die deutschen Besatzer in Holland gemacht.
Dafür brachte man ihn ins KZ.(...)
11.Mai: Ich bin wieder zu Hause, nach 2 Stunden Fahrt. Wir sind
trotz Sperrstunden in Delmenhorst vom Markt nach Hause gelaufen. Meine
Eltern konnten vor Freude nichts sagen. Keiner hat gewusst, wo wir in
diesen Tagen gewesen sind.(...)
Es ist schön, zu Hause zu sein. Trotzdem ist alles anders als vorher.
Ich habe zuviel Schreckliches erlebt. Da braucht man Zeit, das zu verkraften.
Ich habe auch noch nichts erzählt, obwohl sie immer wieder fragen.
Ich kann einfach noch nicht. Vielleicht habe ich auch Angst, dass sie
mir nicht glauben werden?(...)
Nachtrag:
Meine Eltern waren sprachlos, als ich ihnen eines Abends von dem Schrecklichen
berichtete. Eine Welt brach auch für sie zusammen...
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