Redetext von Dr. Klaus Volland zur Ausstellungseröffnung "Stalag XB "
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Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Stalag X B" von Tetjus Tügel am 23. August 2002 in Ober Klenkendorf


Liebe Gäste, liebe Freunde,
ich freue mich, dass es Sie, dass es euch so zahlreich an diesen Ort verschlagen hat - "First"-Reisen einmal anders.
Wir sind hier zusammengekommen, weil sich auf diesem verwunschenen Anwesen unverhofft ein Platz für die Eröffnung der Stalag-Ausstellung von Tetjus Tügel gefunden hat. Thomas Foerst, dem langjährigen Freund des Künstlers, sei herzlich dafür gedankt, dass er den heutigen Abend ermöglicht hat.
Wenn Menschen zusammenkommen, dann suchen sie im Gespräch nach Gemeinsamkeiten; umgekehrt bringen Gemeinsamkeiten Menschen einander näher. Dies gilt auch für Tetjus Tügel und mich, und so stehe ich heute Abend nicht ohne Grund hier, um diese Ausstellung zu eröffnen. Ich erlaube mir in diesem Zusammenhang, bevor ich auf die Ausstellung selbst eingehe, ein paar eher persönliche Bemerkungen:
Ich bin wie Tetjus aus Hamburg in den Raum Bremervörde gezogen, der ihm allerdings schon seit seiner Kindheit in Oese wohlvertraut war, und beide haben wir uns nach kurzer Zeit geradezu magnetisch angezogen gefühlt vom Thema "Stalag X B". Als ich 1976 mit meiner Familie in diese Gegend kam, hatte ich von Sandbostel trotz einer Dissertation in Zeitgeschichte noch nie etwas gehört, und auch der hier aufgewachsene Tetjus dürfte in seiner Jugend nur wenig über das Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager Sandbostel erfahren haben. Sein Vater allerdings, der Malerpoet Otto Tetjus Tügel, hat - vermutlich 1952, nach einem Besuch des Lagerfriedhofs in Sandbostel, also in einer Zeit weitgehender Verdrängung des Leids, das Deutschland im zweiten Weltkrieg über die Völker gebracht hat - ein einfühlsames Gedicht zu Ehren derer geschrieben, die im Dritten Reich offiziell als Untermenschen verachtet worden waren:


An den Gräbern von russischen Kriegsgefangenen


Ich stehe einsam an den Gräbern vieler Russen,
die hier bestattet, nein, hineingeworfen sind,
verhungert oder einem Seuchentod erlegen,
ob alt, ob jung, ein jeder aber einer Mutter Kind.

Wie viele knieten einst vor der Ikone,
und andere waren Söldner in dem gottverfluchten Krieg,
Gefangene alle, heimwehkranken Herzens,
vor ihres Volkes blutbeflecktem Sieg.

Ein harter Ostwind greift durch Birkenbäume,
die jungfrauweiß vorm grauen Himmel stehn.
Sie werden blühen, werden welken,

ich werde frierend wandeln durch das Weltgeschehn.

Ich möchte alle tausend Gräber öffnen
Und jedem Leichnam sagen: Bruder du,
 
ich will dich in den Garten meiner Seele betten
und abends singen "Bajuschki baju"!

Mein Vater hat uns fünf Kindern in den 50ern viel aus dem Krieg erzählt, Gute-Nacht-Geschichten aus dem Russland-Feldzug. Wenn es hieß: "Achtung, Russe greift an aus Waldstück West!", dann suchte man gern unter der Bettdecke oder der geschwisterlichen Schulter Deckung. Und noch der alte Vater marschierte nachts, von soldatischen Angstträumen aufgescheucht, auf seinem Hausflur auf und ab. Er las gern in der Küche, wo sich Bücher über den "Barbarossa"-Feldzug und Stalingrad türmten. Doch ich bin kaum wirklich mit meinem Vater über den NS-Krieg ins Gespräch gekommen, das waren eher Streitereien, vorwurfsgetönt. Heute, abgeklärter, würde ich gern noch einmal mit ihm reden über den Krieg und über die Schuld, über das Leid, über den Westen und über den Osten.

Nun aber zu den Bildern, die wir hier betrachten. Tetjus Tügel hat mit dieser Ausstellung ein eindrucksvolles Tableau geschaffen, das die ganze Erinnerungslandschaft des Mannschafts-Stammlagers B im Wehrkreis X, des Stalag X B Sandbostel, abschreitet: Vor uns tauchen auf: der hungernde russische Gefangene, der todgeweihte Muselmann, die mit KZ-Leichen gefüllte Kipplorenbahn aus Brillit, der schauerliche Totenkarren der Russen. Wir erkennen Zeugnisse menschlicher Brutalität und Niedertracht, aber auch Zeugnisse des kleinen Glückes eines Tauschgeschäfts unter Gefangenen oder der Freude an der Begegnung mit der lebendigen Natur jenseits der grauen Baracken wüste. Auch die Jazzmusiker der französischen Lagerkapelle sind abgebildet: Ausdruck der Tatsache, dass die westlichen Kriegsgefangenen durch die Genfer Konvention von 1929 geschützt waren. Dies garantierte ihnen eine gewisse Normalität und einen gewissen Standard der Lebensführung im Lager und ermöglichte u.a. die Versorgung mit Briefpost und Rotkreuzpaketen, eine Lagerbibliothek, und - zumindest eine Zeitlang - auch selbstorganisierte Vortragsprogramme und Sport. Doch all dies soll keinesfalls heißen, dass Sandbostel für die westlichen Gefangenen ein Ort des Zuckerschleckens war.

Zwei Gruppen vor allem waren es, denen die genannten Möglichkeiten verwehrt waren: die seit dem Spätherbst 1941 aus und in endlosen Zügen ins Lager Sandbostel gelangenden sowjetischen Kriegsgefangenen und die seit Mitte April 1945 in einem Teil des Stalag X B zusammengepferchten   KZ-Deportierten. Festzuhalten und dem Vergessen zu entreißen, was mit den russischen Kriegsgefangenen und den KZ-Häftlingen in Sandbostel geschah , hat Werner Borgsen und mich ganz wesentlich angetrieben, unsere Forschungsarbeiten zum Stalag X B voranzutreiben und abzuschließen, und ähnlich beschäftigt sich die eigenwillige Bildsprache Tetjus Tügels zentral - und dies ist durchaus legitim - mit den russischen Kriegsgefangenen und den KZ-Häftlingen, also den beiden Lagergruppen, die in Sandbostel großenteils dem Tod geweiht waren.

Ich halte diese Ausstellung für ein Ereignis. Ein Bild, das mich besonders beeindruckt, möchte ich jetzt noch etwas näher vorstellen:

Das Bild "a minor Belsen" gibt den Blick in das Innere des Lagers entlang der zentralen Lagerachse wieder. Dieser Blickwinkel (von einem hier nicht erkennbaren Wachtturm aus) ist seinerzeit oft für offizielle oder auch heimliche Wehrmachtsfotografien oder auch für die Zeichnungen der Gefangenen gewählt worden. Links und rechts sind die vorderen Enden der riesigen Lagerbaracken zu erkennen, nur eine kleine Baracke im Vordergrund links ist nahezu vollständig erfasst. Die Straße, rechts daneben die Geleise der Schmalspurbahn und die Hochspannungsmasten vor den Baracken fuhren schnurgerade bis zum Horizont und verlieren sich dort wie die Baracken in endloser Ferne. Ein Zug düsterer Gestalten -Gefangene oder Häftlinge - füllt die Lagerstraße, doch der Zug stockt, die Reihen sind stehen geblieben. Der Moment absoluter Erstarrung ist da. Außerhalb der Lagerstraße ist kein einziges Lebewesen zu erkennen, kein Mensch, kein-Vogel, kein Baum, kein Grashalm, auch die Wachen haben den Ort verlassen. Über dem Ganzen lastet ein entsetzliches Schweigen wie über einer verlorenen Sträflingssiedlung im Weltraum. Die Farben Schwefelgelb, ein unwirkliches Türkis und ein blutiges Lila bedecken das Lager wie den Himmel. Grellgelb schwebt am Himmel der Schriftzug "a minor Belsen", Ausspruch eines entsetzten britischen Offiziers in Sandbostel Anfang Mai 1945, der vierzehn Tage zuvor schon die Befreiung des Lagers Bergen-Belsen miterlebt hatte. Die öligen Schlieren vor den Baracken stellen sich als die schon in Verwesung übergegangenen Leichenhaufen von KZ-Häftlingen heraus.

Es ist Brauch, eine Festrede, insbesondere am Schluss, mit Zitaten prominenter Geistesgrößen zu spicken. Vor dem Hintergrund dieser Bilder hätte ich gut auf Dante, Gryphius oder Solchenizyn zurückgreifen können. Ich hätte auch den französischen Philosophen Louis Althusser, den polnischen Lyriker Wiktor Troscianko, den niederländischsurinamesischen Schriftsteller A. de Kom oder seinen italienischen Kollegen Giovannino Guareschi heranziehen können - allesamt Insassen des Stalag X B Sandbostel. Ich habe mich jedoch entschieden, zum Abschluss meiner Rede einem ganz einfachen und trotzdem sehr beeindruckenden Menschen das Wort zu geben: dem ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Orest Bahry. Orest Bahry war 1941/42 im Lager Sandbostel und ist nach 1945 nicht in die Sowjetunion zurückgekehrt. Er lebte als Landarbeiter lange Jahre in einem kleinen Dorf bei Sittensen. Dort haben wir ihn aufgespürt und interviewt, vor nun auch schon gut zwanzig Jahren. Hier ein kurzer Auszug von einer Tonkassette: (Vorspielen der Kassette)

(Eventuell Wiederholung des Zitats: "Wer da krank war, da hat sich kein Mensch drum gekümmert. Die sind gegangen, die waren nur Haut und Knochen, sämtliche Knochen hast du gesehen.")

Vielen Dank

 

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