Internationale Konferenz
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Artikel aus der Bremervörder Zeitung vom 14. Juli 2004 über die Konferenz

 
„Eine Medaille braucht beide Seiten"
Große Medienresonanz auf Internationale Sandbostel-Konferenz in Hamburg - Prominente Unterstützung für Gedenkstättenprojekt
 
 
Hamburg/Sandbostel. Mit großem Interesse haben überregionale Medien die Internationale Sandbostel-Konferenz am Montag in Hamburg verfolgt. „Heftiger Streit um die Zukunft von Sandbostel" titelte gestern die „Welt", „Prominente für Gedenkstätte" das „Abendblatt". Und in der „Morgenpost" ist von einer „niedersächsischen Provinzposse" die Rede, die jetzt „internationale Ausmaße" annehme. Die große Resonanz war absehbar, denn bei der Veranstaltung in der engen Krypta der St.-Nikolai-Gedenkstätte drängten sich Diplomaten aus ganz Europa, Historiker, Politiker und viele Journalisten.
Umgeben von großformatigen Fotos, die an die Leiden der Hamburger Bevölkerung im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges erinnern, hörten die Teilnehmer der Konferenz mahnende, aber auch versöhnliche Worte mit Blick auf Sandbostel. Der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel, der heute die SPD-Fraktion im Landtag führt, bekannte selbstkritisch, sich angesichts der Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte „als Niedersachse" zu schämen.
Gabriel räumte ein, als Landesvater nicht hinreichend über die welthistorische Bedeutung des Lagers informiert worden zu sein. Den Initiatoren sagte er seine Unterstützung zu. Er könne sich gut vorstellen, dass Mittel aus dem Landes-Fond für Projekte gegen Rechtsradikalismus und der Denkmalpflege für Sandbostel eingesetzt werden. Auch Bundesmittel der Denkmalpflege seien für Sandbostel wünschenswert. Andere Kommunen könnten, so kann sich Gabriel vorstellen, angesichts der Notwendigkeit, in Sandbostel etwas zu unternehmen, mal ein Jahr lang auf Mittel der Denkmalpflege verzichten.
" Über eine Schreckensstätte wie das Lager Sandbostel darf kein Mantel des Vergessens gelegt werden," betonte der Schriftsteller Ralph Giordano. Es geht nicht darum, die Sandbosteler Bürger zu denunzieren. Überall in Deutschland sind Menschen in der NS-Zeit dem „Führer" gefolgt. Bestürzt sei er dennoch, dass es bei einigen Menschen nach wie vor Anzeichen für „bleibende Indoktrination" durch die NS-Ideologie gibt und über 50 Jahre demokratischer Sozialisation wie von einer Regenhaut abgetropft seien. In der „fast pathologischen" Abwehrhaltung mancher Lokal-politiker, die eine „Politik der halbgeöffneten Tür" betrieben, sah der renommierte Publizist die zutiefst empfundene Verunsicherung, mit der NS-Vergangenheit „noch immer nicht im Reinen" zu sein.
Der Weltfriedenspreisträger Ivar Buterfas fordete die konsularischen Vertreter mehrerer Staaten auf, deren Bürger in Sandbostel litten und starben, über ihre Regierungen Druck auf die politisch Verantwortlichen auszuüben. Der Wortführer des diplomatischen Korps in Hamburg, der österreichische Generalkonsul Adolf Klement, sicherte seine Untertützung bereits zu. Klement und rund 60 weitere konsularische Vertreter aus den Opferländern werden sich voraussichtlich in den nächsten Monaten einen Eindruck von dem Lager-Gelände verschaffen.
Warum jetzt die Welt den Blick auf Sandbostel richten müsse, begründete Dr. Dietmar Kohlrausch, Vorsitzender des Gedenkenstättenvereins: „Wo die Aufarbeitung gefährdet ist, kann dieDemokratie nicht gedeihen. Eines hängt mit dem anderen zusammen. Eine Medaille braucht beide Seiten, um gültig zu sein." Weil dies so sei, und weil diese Republik alleine, dies lehre die gegenwärtige Diskussion, nicht in der Lage sei, einer wahrheitsgetreuen Dokumentation und einem angemessenen Gedenken einen Raum bereit zu stellen, appellierte Dr. Kohlrausch an die Vertreter der internationalen Gemeinschaft, den Verein zu unterstützen, eine Dokumentations- und Gedenkstätte auf dem Lagergelände zu errichten.
Der Zweite Vorsitzende Dr. Klaus Volland, der von den Konferenzteilnehmern für seine wissenschaftliche Aufarbeitung der Lager-Geschichte viel Anerkennung bekam, setzte sich kritisch mit dem Opferbegriff auseinander, wie er sich in der gegenwärtigen Diskussion im Landkreis darstellt: „Immer wieder bekommen wir zu hören, die Menschen in der Region hätten nun lange genug unterdem Lager Sandbostel und seiner Nachgeschichte gelitten. Man müsse besonders feinfühlig mit ihrer Befindlichkeit umgehen. Und seit Beginn der von uns mit Ivar Buterfas begonnenen Medienaktivitäten sieht man sich - beleidigt und missverstanden -noch mehr in der Opferrolle." Die Opfer in dieser Geschichte, so Dr. Volland weiter mit Blick auf die Politiker der Region, hießen allerdings nicht Hanschen, Behnken, Fitschen oder Rathjen: „Die Opfer heißen Iwan Kasantschu, gestorben am 3. April 1942 an Auszehrung; Wassilij Konjuchow, gestorben am 9. April 1942 an einer Schusswunde des Oberschenkels; Vincenzo Romeo, erschossen am 28. August 1944, dem Warndraht zu nahe gekommen; Johann Thomas, als niederländischer KZ-Häftling am 14. April 1945 im Lager Sandbostel umgekommen; oder Erich Kleeberg, auf dessen Gedenkplatte steht: „Hannover verfolgt - Neuengamme deportiert- Sandbostel ermordet“.
 

 
Hoffnung in Hastedts Vermittlung
Sandbostel (cb). Im Streit um den Standort für eine Gedenkstätte in Sandbostel wird es Hans-Wilhelm Hastedt schwer haben, die festgefahrene Diskussion zwischen beiden Seiten voranzubringen. Dieser Meinung ist zumindest Sandbostels Bürgermeister Heinz Peter Hanschen. Gegenüber der BZ sagte er gestern: „Das wird keine leichte Aufgabe werden."
Wie berichtet, hatte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen (CDU) den ehemaligen Superintendenten des Kirchenkreises Bremervörde-Zeven gebeten, als Moderator eine Vermittlerrolle zwischen Gedenkstättenverein und Gemeinde zu übernehmen. Für diese Aufgabe gewann Hastedt wiederum den ehemaligen Regierungsschuldirektor Horst Rademacher als Mitstreiter.
Trotz der erwarteten Schwierigkeiten begrüßt die Gemeinde Sandbostel Hastedts Engagement. „Ein Mann mit seiner Lebenserfahrung kann hier möglicherweise vermitteln. Ich traue ihm zu, dass er beide Seiten berücksichtigen wird", sagte Hanschen.
Ob es zu einer vernüftigen Zusammenarbeit mit dem Gedenkstättenverein kommt, hänge Hanschens Ansicht nach jedoch auch maßgeblich davon ab, wer für den Verein in der Arbeitsgruppe vertreten sein wird.
 

Artikel aus der Bremervörder Zeitung vom 13. Juli 2004 über die Konferenz
 
Sandbostel bald bekannter als Las Vegas?
Internationale Konferenz über Gedenkstätte
 
 
Von Thomas Schmidt
Hamburg/Sandbostel. „Wer seine Stimme für den falschen Standort erhebt, vergeht sich an den Opfern." Mit diesen Worten machte sich der Publizist Ralph Giordano für eine Gedenkstätte für das Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager an historischer Stätte stark. Der Autor des Buches „Die zweite Schuld" und „Die Bertinis" gehörte zu den Rednern der internationalen Konferenz über die Gedenkstätte Sandbostel, an der gestern in Hamburg Diplomaten aus ganz Europa, rund 150 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und zahlreiche Journalisten teilnahmen.
Den Ort der Konferenz hatte der Veranstalter, der Verein Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel, mit Bedacht gewählt: Die Nikolai-Gedenkstätte. Sie erinnert an den Hamburger Feuersturm und wurde maßgeblich vom Weltfriedenspreisträger Ivar Buterfas auf den Weg gebracht.
Für den Auftakt der Konferenz sorgten zahlreiche Fernsehbeiträge, in denen die aktuelle Diskussion um das Lager kritisch beleuchtet wurde. Für großes Unverständnis und zum Teil Gelächter sorgten die Äußerungen von Kommunalpolitikern, die in den Interviews Argumente gegen eine Gedenkstätte vorgebracht hatten.
„Wo, wenn nicht dort?", sagte Heinrich Schmidt, erster Vorsitzender des Förderkreises „Rettet die Nikolaikirche", und meinte damit die Notwendigkeit, an der Stätte des Grauens selbst und nicht auf dem entlegenen Kriegsgräberfriedhof eine würdige und „authentische" Gedenkstätte zu schaffen.
Der Holocaust-Überlebende Ivar Buterfas, Gründer und Ehrenpräsident des Förderkreises „Rettet die Nicolai-Kirche", hatte in den vergangenen Wochen dem Thema Sandbostel eine große Öffentlichkeit beschert. Auch in Hamburg machte er sich in einer flammenden Rede für das Ziel stark. Ausdrücklich brachte Buterfas sein Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass er im Bremervörder Ratsaal seine Autobiographie nicht vorstellen darf . Dass er von einigen Kreisen in Bremervörde, Sandbostel und im Landkreis Rotenburg zur „Persona non grata" erklärt worden sei, werde ihn jedoch nicht entmutigen, weiter für die Gedenkstätte zu kämpfen. Als „Versprechung" und nicht als Drohung wollte er seine Ankündigung verstanden wissen, dass er Sandbostel bekannter als Las Vegas machen werde, sollte das Projekt nicht vorankommen. „Diese Konferenz in der weltoffenen Stadt Hamburg ist notwendig geworden, um die nationale und internationale Öffentlichkeit auf die vor den Toren Hamburgs stattfindende Auseinandersetzung aufmerksam zu machen und Wege aus einer verfahrenen Situation aufzuzeigen", beschrieb Dr. Klaus Volland, stellvertretender Vorsitzender des Vereins, den Hintergrund für Veranstaltung. Dass der Gedenkstättenverein mit der Konferenz seinem Ziel näher gekommen ist, wurde im Verlauf der Veranstaltung deutlich: Unterstützung für das Projekt signalisierten nicht nur der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag, Sigmar Gabriel, sondern auch Persönlichkeiten wie der Österreichische Generalkonsul und Doyen des Konsularkorps Hamburgs, Adolf Klement.
Weitere Berichte zur Konferenz in der morgigen Ausgabe.
 

Auch diesen vielsagenden Leserbrief aus der Bremervörder Zeitung vom 13. Juli 2004 möchten wir ihnen nicht vorenthalten.
 
Zur Diskussion um die Errichtung einer Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände in Sandbostel erreichte uns eine Zuschrift von Werner Graf von Soden-Fraunhofen aus Bremervörde:
Seit einiger Zeit häufen sich die Berichte in der BZ über die Kontroverse um eine würdige Gedenkstätte für die Opfer des Lagers Sandbostel. Eine zentrale Rolle spielt dabei neuerdings Herr Buterfas aus Hamburg, der unser Städtchen, die Lokalpolitiker und die Gemeinde Sandbostel richtig aufmischt. Allein in der Samstag-Ausgabe der BZ vom 10. Juli befassen sich vier ausführliche Artikel direkt oder indirekt mit dieser Angelegenheit und erregen die Gemüter vieler Bürger.
Der Streit zwischen der Gemeinde Sandbostel und dem Förderverein zur Errichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des Lagers Sandbostel hat mit der Einbeziehung von Herrn Buterfas eine neue Dimension erreicht. Da wird ein moralischer Sturm auf den Ebenen von Gemeinde, Stadt Bremervörde, Landkreis und Land entfacht, der Ton im Umgang wird unversöhnlich und eine einvernehmliche Lösung, um die es angeblich allen geht, ist in weite Ferne gerückt. Das Problem ist fürwahr sehr vielschichtig, aber meiner Ansicht nach lösbar, wenn man das eigentliche Ziel im Auge behält und die Geschichte des Lagers berücksichtigt. Für die Toten und Überlebenden eine Gedenkstätte zu schaffen, ist sicher unstrittig, und der Ort, wo man der Toten gedenkt, kann doch nicht Gegenstand eines derart heftigen Streites sein. Die Kriegsgräberstätte ist zweifellos ein friedvoller und würdiger Ort, wunderbar von der Gemeinde und ihrem Gärtner gepflegt; hier könnte die Gedenkstätte ein stimmiges Ambiente finden. Ein gleichwertiges im Lagergelände zu schaffen, würde einen sehr großen Aufwand erfordern, den weder der Landkreis noch das Land derzeit leisten können. Warum kann man diese Gegebenheiten nicht zur Kenntnis nehmen?
Ich gewinne den Eindruck, dass es inzwischen gar nicht mehr um die Sache geht, sondern um die Profilierung beteiligter Personen. Und da spielt die Einbeziehung von Herrn Buterfas, der vom Gedenkstättenverein flugs zum Ehrenmitglied ernannt wurde, eine fatale Rolle. Weil der Verein nicht genügend Überzeugungskraft hat, bedient er sich einer prominenten Galionsfigur, die nun Promis und Presse in Bewegung setzt, damit der Landkreis die ausgebaute Baracke der Straßenmeisterei für ein Dokumentationszentrum hergibt. Woher das Geld für den Ersatz und die Umwidmung des Gebäudes, den Ankauf des in Privatbesitz befindlichen Geländes und die Herrichtung der verfallenen, unter Denkmalschutz gestellten Lagergebäude kommen soll (Dr. Volland: ,,Weltkulturerbe"(!) erhalten), spielt offenbar keine Rolle. Müsste es aber!
Man muss sich das einmal vorstellen: Da kommt aus Hamburg ein Herr Buterfas nach Sandbostel und spricht: so machen wir das! Heftet sich dazu den Judenstern und den Weltfriedenspreis an die Brust und sagt den Verantwortlichen, was Sache ist. Gleichzeitig betont er immer wieder, dass er an einer einvernehmlichen Lösung interessiert sei; das kann ja nie schaden. Wer so auftritt, kann eigentlich nur Unverständnis ernten. Was soll die Staffage ausdrücken? Was Herr Buterfas damit bezweckt, weiß ich nicht; ich sage aber, wie es bei mir ankommt: Seht her, ich bin Holocaust-Überlebender, ich habe die Autorität, euch zu sagen, was ihr gefälligst zu tun habt! Ich meine, dass die Gemeinde-Vertreter Sandbostels die Geschichte des Lagers in eigener Regie und in vorbildlicher Weise aufgearbeitet haben und auf die Wegweisung durch Herrn Buterfas durchaus verzichten können.

 

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