Rede von Dr. Klaus Volland zur Ausstellungs-eröffnung am 8. Februar 2003
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  Dr. Klaus Volland
Ansprache zur Einführung in die Ausstellung "Leben unter dem Hakenkreuz", Teil l (1938/39), in der Dokumentationsstätte Sandbostel, Bremervörde, 8. Februar 2003
 
 

Sehr geehrter Herr Thomas, sehr geehrter Herr Sellner, sehr geehrter Herr Bürgermeister Gummich, liebe Gäste, liebe Freunde.

ich freue mich, dass Sie so zahlreich zu unserer heutigen Ausstellungseröffnung erschienen sind. Nachdem wir im September letzten Jahres die Sonderausstellung von Tetjus Tügel "Stalag X B" gezeigt haben, ist es heute und in den kommenden Wochen Wolfgang Sellner aus Bremervörde, dessen Sammelstücke aus dem vergangenen Jahrhundert wir in einem kleinen Ausschnitt zeigen. Lange haben Wolfgang, seine Frau Wera und ich an der Konzeption und am Titel der Ausstellung gebastelt, bis wir uns darauf verständigt haben, die Ausstellung "Leben unter dem Hakenkreuz" zu nennen und sie in vier Teile zu gliedern, die jeweils zwei Jahren des Zeitraums von 1938 bis 1945 gewidmet sind. Wir präsentieren heute den ersten Teil dieser Ausstellung, der die Jahre 1938 und 1939 zum Thema hat.

Sie haben sich beim Rundgang durch die Ausstellung bereits von der Fülle des Materials überzeugen können, das Wolfgang Sellner auf verschiedensten Wegen zugegangen ist. Ich nehme an, diese Ausstellung kann zum Fischzug werden, bei dem Wolfgang Sellner weitere Dokumente zugänglich gemacht werden. Die Ausstellung ist auf der einen Seite lokal und regional akzentuiert - viele Materialien entstammen dem Raum Bremervörde und Lamstedt -, auf der anderen Seite machen Zeitungs- und Buchtexte, Flugblätter und vieles mehr den nationalen und weltpolitischen Bezugsrahmen deutlich. Die Materialien aus der Region dürften durchaus relevant sein für die historische Aufarbeitung der Regionalgeschichte in der nationalsozialistischen Zeit: eine kritische und umfassende Darstellung dieser Zeit etwa für Bremervörde steht nach wie vor aus.

Was macht die Ausstellung deutlich?

Auf der einen Seite sind wir erstaunt über Kontinuitäten: Da erscheint vieles so vertraut: Reklame für ABC-Pflaster oder Persil bis hin zu Mercedes; man konnte damals schon bestellen bei Quelle, Klingel, Wirt/Weiden, daneben finden wir halb Vergessenes: Werbehinweise für Sil, Henko, Xylamon - und für fast ganz Vergessenes: Viehheil, Schwan im Blauband. -Vertrautes schmückt sich mit dem Hakenkreuz: DLRG, Quelle, DDAC (der spätere ADAC).

Ende 1937 bekundete Hitler im Hoßbach-Protokoll seine Entschlossenheit zum Krieg und bereitete ihn 1938/39 entschlossen vor. Nach außen hin bekundete er seinen Friedenswillen: "Ich aber glaube an einen langen Frieden" (ein Zitat aus der Ausstellung). In einer Geheimrede vor Verlegern und führenden Redakteuren vom 10. November 1938 sagte Hitler: "Der Zwang war die Ursache, warum ich jahrelang nur vom Frieden redete. Es war nunmehr notwendig das deutsche Volk psychologisch allmählich umzustellen und ihm langsam klarzumachen, dass es Dinge gibt, die, wenn sie nicht mit friedlichen Mitteln durchgesetzt werden können, mit Mitteln der Gewalt durchgesetzt werden müssen."

So standen alle Planungen des Regimes in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Kultur letzten Endes im Dienst der Kriegsvorbereitung. Dies wirkte sich damit auch auf den scheinbar so friedlichen Alltag der Volksgenossen aus. Die Ausstellung dokumentiert den "Luftschutzbaubedarf', die Erhöhung der Wehrsteuer und den "Hitler-Jugend-Leistungsbrief",
die Bemühungen zur Einsparungen bei Rohstoffen und Nahrungsmitteln: "Kampf dem Verderb!", "So backen wir mit wenig Fett". Eine Stuhlgruppe heißt "Bombenstabil".

Dokumentiert sind auch Rassismus und Deutschtümelei: Wir lesen vom "Ehrenkreuz der deutschen Mutter", "Deutsche Frau , merk auf!", "Danzig ist deutsch", "Deutschland braucht Kolonien". Ausgestellt ist ein Ahnenpass. Eher komisch erscheint es uns heute, wenn Schlafzimmer "Kate" und "Gisela", Herrenzimmer "Horst" und "Wolfgang" genannt werden.

Auf der anderen Seite erkennen wir Modernisierungsbestrebungen des Regimes: Schon damals schickten sich die Deutschen an, mit dem KdF.-Wagen Verkehrsweltmeister und mit den KdF.- oder Lloyd-Reisen nach Madeira, rund um Afrika und nach Amerika Reiseweltmeister zu werden. Im Kino sah man Filme wie "Es war eine rauschende Ballnacht" oder "Hotel Sacher", die wie später die "Feuerzangenbowle" ein Stück kleinbürgerliches Wohlbehagen über die Zeit retteten. Michail Romm, der sowjetische Filmemacher, hat auch solche Phänomene dem Begriff des "gewöhnlichen Faschismus" zugeordnet.

Wenige Ausstellungsstücke handeln von Verfolgung und Widerstand. "Juden sind unerwünscht" schreibt ein Friseur in sein Schaufenster. An der so genannten Arisierung jüdischen Eigentums haben sich sehr viele Volksgenossen in Stadt und Land beteiligt. Das Schicksal der Juden, Sinti, politischen Häftlinge rührte nur wenige. Viktor Klemperer notierte in seinem Dresdner Tagebuch zu Silvester 1939. "Die Pogrome im November 38 haben, glaube ich, weniger Eindruck gemacht als der Abstrich der Tafel Schokolade zu Weihnachten." Und Sebastian Haffner, der sich nach England gerettet hatte, schrieb etwa zur selben Zeit: "Mein privates Duell mit dem Dritten Reich ist kein vereinzelter Vorgang. Solche Duelle, in denen ein Privatmann sein privates Ich und seine private Ehre gegen einen übermächtigen feindlichen Staat zu verteidigen sucht, werden seit sechs Jahren in Deutschland zu Tausenden und Hunderttausenden ausgefochten -jedes in absoluter Isolierung und alle unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Manche von den Duellanten, heldischere oder märtyrerhaftere Naturen, haben es weiter gebracht als ich: bis zum Konzentrationslager, bis zum Block, und bis zu einer Anwartschaft auf künftige Denkmäler. Andere sind schon viel früher erlegen und sind heute schon längst murrende S.A.-Reservisten oder N.S.V.-Blockwalter."

Auf einem ausgestellten Flugblatt steht: "Deutsche Arbeiter! Der Führer befiehlt. Er befiehlt
Krieg."

Damit sind wir auch bei einem aktuellen Bezug und ich am Ende meiner Ansprache. Hoffen wir, dass es gelingt, den Frieden zu sichern!

 

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