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Sehr geehrter Herr Thomas, sehr geehrter Herr Sellner, sehr geehrter
Herr Bürgermeister Gummich, liebe Gäste, liebe Freunde.
ich freue mich, dass Sie so zahlreich zu unserer heutigen Ausstellungseröffnung
erschienen sind. Nachdem wir im September letzten Jahres die Sonderausstellung
von Tetjus Tügel "Stalag X B" gezeigt haben, ist es heute
und in den kommenden Wochen Wolfgang Sellner aus Bremervörde, dessen
Sammelstücke aus dem vergangenen Jahrhundert wir in einem kleinen
Ausschnitt zeigen. Lange haben Wolfgang, seine Frau Wera und ich an der
Konzeption und am Titel der Ausstellung gebastelt, bis wir uns darauf
verständigt haben, die Ausstellung "Leben unter dem Hakenkreuz"
zu nennen und sie in vier Teile zu gliedern, die jeweils zwei Jahren des
Zeitraums von 1938 bis 1945 gewidmet sind. Wir präsentieren heute
den ersten Teil dieser Ausstellung, der die Jahre 1938 und 1939 zum Thema
hat.
Sie haben sich beim Rundgang durch die Ausstellung bereits von der Fülle
des Materials überzeugen können, das Wolfgang Sellner auf verschiedensten
Wegen zugegangen ist. Ich nehme an, diese Ausstellung kann zum Fischzug
werden, bei dem Wolfgang Sellner weitere Dokumente zugänglich gemacht
werden. Die Ausstellung ist auf der einen Seite lokal und regional akzentuiert
- viele Materialien entstammen dem Raum Bremervörde und Lamstedt
-, auf der anderen Seite machen Zeitungs- und Buchtexte, Flugblätter
und vieles mehr den nationalen und weltpolitischen Bezugsrahmen deutlich.
Die Materialien aus der Region dürften durchaus relevant sein für
die historische Aufarbeitung der Regionalgeschichte in der nationalsozialistischen
Zeit: eine kritische und umfassende Darstellung dieser Zeit etwa für
Bremervörde steht nach wie vor aus.
Was macht die Ausstellung deutlich?
Auf der einen Seite sind wir erstaunt über Kontinuitäten: Da
erscheint vieles so vertraut: Reklame für ABC-Pflaster oder Persil
bis hin zu Mercedes; man konnte damals schon bestellen bei Quelle, Klingel,
Wirt/Weiden, daneben finden wir halb Vergessenes: Werbehinweise für
Sil, Henko, Xylamon - und für fast ganz Vergessenes: Viehheil, Schwan
im Blauband. -Vertrautes schmückt sich mit dem Hakenkreuz: DLRG,
Quelle, DDAC (der spätere ADAC).
Ende 1937 bekundete Hitler im Hoßbach-Protokoll seine Entschlossenheit
zum Krieg und bereitete ihn 1938/39 entschlossen vor. Nach außen
hin bekundete er seinen Friedenswillen: "Ich aber glaube an einen
langen Frieden" (ein Zitat aus der Ausstellung). In einer Geheimrede
vor Verlegern und führenden Redakteuren vom 10. November 1938 sagte
Hitler: "Der Zwang war die Ursache, warum ich jahrelang nur vom Frieden
redete. Es war nunmehr notwendig das deutsche Volk psychologisch allmählich
umzustellen und ihm langsam klarzumachen, dass es Dinge gibt, die, wenn
sie nicht mit friedlichen Mitteln durchgesetzt werden können, mit
Mitteln der Gewalt durchgesetzt werden müssen."
So standen alle Planungen des Regimes in den Bereichen Politik, Wirtschaft
und Kultur letzten Endes im Dienst der Kriegsvorbereitung. Dies wirkte
sich damit auch auf den scheinbar so friedlichen Alltag der Volksgenossen
aus. Die Ausstellung dokumentiert den "Luftschutzbaubedarf', die
Erhöhung der Wehrsteuer und den "Hitler-Jugend-Leistungsbrief",
die Bemühungen zur Einsparungen bei Rohstoffen und Nahrungsmitteln:
"Kampf dem Verderb!", "So backen wir mit wenig Fett".
Eine Stuhlgruppe heißt "Bombenstabil".
Dokumentiert sind auch Rassismus und Deutschtümelei: Wir lesen vom
"Ehrenkreuz der deutschen Mutter", "Deutsche Frau , merk
auf!", "Danzig ist deutsch", "Deutschland braucht
Kolonien". Ausgestellt ist ein Ahnenpass. Eher komisch erscheint
es uns heute, wenn Schlafzimmer "Kate" und "Gisela",
Herrenzimmer "Horst" und "Wolfgang" genannt werden.
Auf der anderen Seite erkennen wir Modernisierungsbestrebungen des Regimes:
Schon damals schickten sich die Deutschen an, mit dem KdF.-Wagen Verkehrsweltmeister
und mit den KdF.- oder Lloyd-Reisen nach Madeira, rund um Afrika und nach
Amerika Reiseweltmeister zu werden. Im Kino sah man Filme wie "Es war
eine rauschende Ballnacht" oder "Hotel Sacher", die wie später die "Feuerzangenbowle"
ein Stück kleinbürgerliches Wohlbehagen über die Zeit retteten. Michail
Romm, der sowjetische Filmemacher, hat auch solche Phänomene dem Begriff
des "gewöhnlichen Faschismus" zugeordnet.
Wenige Ausstellungsstücke handeln von Verfolgung und Widerstand.
"Juden sind unerwünscht" schreibt ein Friseur in sein Schaufenster.
An der so genannten Arisierung jüdischen Eigentums haben sich sehr
viele Volksgenossen in Stadt und Land beteiligt. Das Schicksal der Juden,
Sinti, politischen Häftlinge rührte nur wenige. Viktor Klemperer
notierte in seinem Dresdner Tagebuch zu Silvester 1939. "Die Pogrome
im November 38 haben, glaube ich, weniger Eindruck gemacht als der Abstrich
der Tafel Schokolade zu Weihnachten." Und Sebastian Haffner, der
sich nach England gerettet hatte, schrieb etwa zur selben Zeit: "Mein
privates Duell mit dem Dritten Reich ist kein vereinzelter Vorgang. Solche
Duelle, in denen ein Privatmann sein privates Ich und seine private Ehre
gegen einen übermächtigen feindlichen Staat zu verteidigen sucht,
werden seit sechs Jahren in Deutschland zu Tausenden und Hunderttausenden
ausgefochten -jedes in absoluter Isolierung und alle unter Ausschluss
der Öffentlichkeit. Manche von den Duellanten, heldischere oder märtyrerhaftere
Naturen, haben es weiter gebracht als ich: bis zum Konzentrationslager,
bis zum Block, und bis zu einer Anwartschaft auf künftige Denkmäler.
Andere sind schon viel früher erlegen und sind heute schon längst
murrende S.A.-Reservisten oder N.S.V.-Blockwalter."
Auf einem ausgestellten Flugblatt steht: "Deutsche Arbeiter! Der
Führer befiehlt. Er befiehlt
Krieg."
Damit sind wir auch bei einem aktuellen Bezug und ich am Ende meiner Ansprache.
Hoffen wir, dass es gelingt, den Frieden zu sichern!
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