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Samtgemeinde Selsingen wird Bauträger
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Zevener Zeitung 4. Mai 2007 |
Beifall für ein couragiertes Plädoyer |
Samtgemeinde übernimmt Bauträgerschaft für Investitionen in das ehemalige Lager Sandbostel in Höhe von bis zu 400.000 Euro |
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| Gehen gemeinsam in eine Richtung: Mitglieder des Selsinger Samtgemeinderats, der Stiftung Lager Sandbostel und des Vereins Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel während des Rundgangs über das von der Stiftung erworbene Areal. | |||||
Selsingen (Ih). Die unrühmliche Geschichte des ehemaligen Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers Sandbostel als Chance zu begreifen, sich der Verantwortung zu stellen - ohne Wenn und Aber: Das forderte der Sandbosteler Bürgermeister Johann Gerken am Mittwochabend von den Mitgliedern des Selsinger Samtgemeinderates - und erntete Beifall für das couragierte Plädoyer. Der Wind hat sich gedreht, das war deutlich während der Ratssitzung zu spüren. Die Zeiten, in der Debatten über das Lagergelände ein „rotes Tuch“ für viele Kommunalpolitiker waren, scheinen endgültig vorbei zu sein. So war die Ratssitzung in mehrfacher Hinsicht geradezu einmalig. Sie begann mit einer Führung über das ehemalige Lagergelände in Sandbostel und endete mit einem Beschluss, der als weiterer Meilenstein auf dem steinigen Weg zur Einrichtung einer Gedenk-und Dokumentationsstätte auf eben jenem Lagergelände gesehen werden darf. Der Selsinger Samtgemeinderat hat einstimmig entschieden, die Bauträgerschaft für Maßnahmen zu übernehmen, die die Stiftung Lager Sandbostel umsetzen möchte - bei Investitionen in Höhe von bis zu 400000 Euro und unter der Voraussetzung, dass die Maßnamen im Rahmen der Dorferneuerung gefördert werden. Die Samtgemeinde trägt als Eigenanteil 10 Prozent der Investitionen. Hintergrund: Die Stiftung Lager Sandbostel hätte sich mit Zuschüssen in Höhe von 30 Prozent der Investitionskosten begnügen müssen, die Samtgemeinde indes erhält 75 Prozent. Deshalb sprang sie jetzt für die Stiftung in die Bresche. Mit ihrer positiven Reaktion auf den Antrag der Stiftung Lager Sandbostel, die Bauträgerschaft zu übernehmen, zeigt die Kommune deutlicher denn je, dass sie das Vorhaben unterstützt. Dem Beschluss des Rates waren im Vorfeld viele Gespräche vorausgegangen. Und direkt vor der Sitzung im Gasthaus „Zum grünen Jäger“ führte der Vorsitzende der Stiftung Lager Sandbostel, Karl-Heinz Buck, die Mitglieder des Samtgemeinderates über das ehemalige Lagergelände. „Tief beeindruckt“ äußerten sich manche Besucher und bekannten, dass nach dem Abholzen de rBäume die ursprüngliche Lagerstruktur nun wesentlich besser zu erkennen sei. Bauhistoriker aus Berlin untersuchen das Areal (ZZ berichtete), außerdem wird der Ist-Zustand gegenwärtig fotografisch festgehalten. Um die Geschichte des Lagers umfassend zu dokumentieren, bedarf es aber weiterer Hilfe: „Wir suchen Zeitzeugen auch für die Umbauphase zwischen 1952 und 1960“, erwähnte Karl-Heinz Buck. Er präsentierte den Ratsmitgliedern historische Pläne und zeigte ihnen das Wasch- und Latrinengebäude und stand ebenso wie Dr. Klaus Volland vom Verein Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel für Fragen zur Verfügung. „Ich denke, die Führung über das Gelände hat den Kopf klar gemacht“, befand Ratsvorsitzender Dr. Hein-Arne zum Felde. Samtgemeindebürgermeister Werner Borcher ging so dann auf den Antrag der Stiftung Lager Sandbostel ein, die Samtgemeinde möge die Bauträgerschaft übernehmen, um höhere Zuschüsse zu erhalten. n diesem Zusammenhang klärte der Redner die Ratsmitglieder auf, wer Mitglied der Stiftung ist: Die Gemeinde Sandbostel, der Verein Dokumentationsund Gedenkstätte Sandbostel, die Kirchengemeinde Selsingen, Der Volksbund Deutsche. Kriegsgräberfürsorge, die Geschichtsfreunde Sandbostel, das Land Niedersachsen, der Landkreis Rotenburg, der Verein „Pro Europa“ und eben die Samtgemeinde Selsingen. Der Masterplan der Stiftung sehe Investitionen in Höhe von rund 400000 Euro vor, aufgeteilt auf drei Bauabschnitte. Danach ist zunächst das Sichern und Instandsetzen von Baracken inklusive der Gestaltung von Außenanlagen vorgesehen. Kosten Rund 126000 Euro. Die Finanzierung des 1. Bauabschnitts sei gesichert, so Werner Borchers. Der 2. Bauabschnitt sehe unter anderem die Dachsanierung des Küchengebäudes und das Ausbessern der vorhandenen Parkplätze vor. Kosten: Rund 186000 Euro. Hier gebe es noch Finanzierungslücken. Und schließlich sehe der 3. Bauabschnitt das Erstellen eines Dokumentationszentrums vor. Kosten: ca. 87 000 Euro. Auch hier gebe es noch Finanzierungslücken. Sollten alle Maßnahmen in Angriff genommen werden, kämen auf die Samtgemeinde Kosten in Höhe von rund 40 000 Euro zu - die besagten zehn Prozent. Mit wenig Geld viel erreichen Dr. Hein-Arne zum Felde bilazierte, er sehe nun die Möglichkeit, „mit relativ geringen Mitteln viel erreichen zu können für die Stiftung und das Lager“. Für die CDU/WFB-Fraktion machte Angelus Pape aus Granstedt deutlich, das Thema sei in der Fraktion oft behandelt worden, Minister Hans-Heinrich Ehlen habe sich sehr für eine Lösung eingesetzt und die Dorferneuerung ermögliche es jetzt, „dass wir an Geld kommen“. 40000 Euro aus dem Säckel der Samtgemeinde zu zahlen, das falle der Fraktion nicht leicht, aber sie setze auf eine weiterhin gute Zusammenarbeit und stimme dem Vorhaben daher zu. Für Sandbostels Gemeindebürgermeister Johann Gerken, der zugleich für die CDU im Samtgemeinderat sitzt, steht fest: Die Samtgemeinde habe mit ihrer Mitgliedschaft in der Stiftung A gesagt. Nun sei es an der Zeit, um B zu sagen. Angesichts der 8000 bis 50000 Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges im Stalag XB zu Tode kamen, und der bis zu 1 Million Menschen aus 46 Ländern, die dort gelitten haben, bedankte er sich ausdrücklich bei Dr. Klaus Volland für sein beharrliches Bemühen, die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. „ Besondere Verantwortung“ Johann Gerken bekannte, er habe aber auch Verständnis dafür, dass gerade ältere Menschen aus Sandbostel und Umgebung „nicht mehr gerne über das Lager reden“. Viele haben dort einst Leichen bergen müssen, erinnert er. Gleichwohl: „Die nächsten Generationen wissen recht wenig darüber, das muss man immer wieder feststellen.“ Deshalb vertrat der Bürgermeister den Standpunkt: „Das Thema erledigt sich nicht von selbst.“ Auch wenn viele Zeitzeugen inzwischen gestorben seien, so kämen doch deren Angehörige, Kinder und Enkel weiter nach Sandbostel, um den Ort zu sehen, an dem ihre Vorfahren gelitten haben. Der gute Eindruck, den Besucher aus vielen Nationen von der gepflegten Kriegsgräberstätte hätten, werde vom Zustand des ehemaligen Lagers wieder zunichte gemacht“. Deshalb betonte Johann Gerken: „Wir Deutschen tragen eine besondere Verantwortung.“ Jeder, der Zweifel an der Machbarkeit oder Finanzierung des Vorhabens der Lagerstiftung habe, müsse sich ernsthaft fragen, welche Alternativen es gibt. Sandbostel pflege seit vielen Jahren herzliche Freundschaften zu Menschen in ihren Partnergemeinden in Frankreich und Russland und auch das internationale Jugendcamp im Sommer erwähnte der Bürgermeister. Was er damit sagen wollte? „Die Vergangenheit bietet Chancen, die wir nutzen sollten.“ Und so erhielt er viel Applaus aus der Runde, auch von den Zuhörern Dr. Klaus Volland und Karl-Heinz Buck.„Dem ist nichts hinzuzufügen“, befand SPD-Fraktionsvorsitzender Rudolf Kahrs. Der Rockstedter drückte seine Freude über die „große Übereinstimmung“ aus. So kam es, dass der Beschluss einstimmig gefasst wurde, was die Zuhörer mit wohlwollendem Nicken und wohl auch erleichtert zur Kenntnis nahmen. Clement-Volker Poppe aus Sandbostel, der Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung, sprach den Ratsmitgliedern seinen Dank für die Entscheidung aus, dass die Samtgemeinde die Stiftung unterstützt. HINTERGRUND Der Auftrag der Stiftung Lager Sandbostel ist die Förderung und Einrichtung einer Dokumentations-, Gedenk-, Informationsund Trauerstätte in der Nähe der evangelischen Lagerkirche auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Sandbostel sowie die Förderung von internationalen Begegnungen. Die Arbeit in dieser Stätte weiß sich der Aufgabe der Erinnerung, der Forschung, der Bildung, der Information und der Versöhnung verpflichtet. Die zu errichtende Stätte hat die Aufgabe, über die Geschichte des Lagers vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu informieren und entsprechende Forschungen durchzuführen.
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