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Eröffnungsrede von Dr. Klaus
Volland zum dritten Teil unserer Ausstellungsreihe
"Leben unter dem Hakenkreuz" ![]() |
| Klaus Volland
Ansprache zur Eröffnung des dritten Teils der Ausstellung von Wolfgang Sellner "Leben unter dem Hakenkreuz" ("Die Wende des Krieges 1942/43")
Genau vor einem ein halben Jahr haben wir den zweiten Teil der Ausstellung "Leben unter dem Hakenkreuz" an gleicher Stelle eröffnet, und dank des Fleißes des Bremervörder Sammlers Wolfgang Sellner, dem seine Frau Wera und unser Vereinskollege Wolfgang Greger bei den Vorbereitungen assistiert haben, sind wir in der Lage, Ihnen heute bereits und in den nächsten Wochen den dritten der vier Teile dieser hochinteressanten Ausstellung zu präsentieren. Er dokumentiert wiederum einen Zeitraum von zwei Jahren: die Jahre 1942 und 1943, und steht unter der Bezeichnung "Die Wende des Krieges". Auf den zwölf Ausstellungstafeln sind auch diesmal überwiegend Originalmaterialien zu sehen – von Privatfotos über Werbeprospekte, Abrechnungsbelege und Zeitungsseiten bis zur Schellackplatte "Panzer rollen in Afrika vor" und zum Stadtplan von Stalingrad. Zahlreiche Fundstücke entstammen dem regionalen Raum des Elbe-Weser-Gebiets, insbesondere wieder der Lamstedter Börde. Mit dem Scheitern der Winteroffensive vor Moskau und der deutschen Kriegserklärung an die USA im Dezember 1941 war die deutsche Niederlage bereits besiegelt. Das war Hitler klar bewusst, auch wenn er und seine Paladine in ihren Äußerungen immer wieder bekundeten, man werde die sowjetischen Bolschewisten und die angelsächsischen Mächte, hinter denen "der Jude" stehe vernichtend schlagen. Der Krieg im Osten werde bis zum Sommer gewonnen, tönte Hitler, und anschließend werde man einen "großzügigen Piratenkrieg" gegen die angelsächsischen Mächte führen. Zwar gelangen Deutschland 1942 im Ostkrieg mit Vorstößen in der Ukraine und auf dem Kaukasus noch militärische Erfolge – hier im Süden wollte Hitler dem Sowjetsystem "den Adamsapfel" abdrücken –, zwar erzielte Rommel im Wüstenkrieg gegen die britischen Truppen 1942 legendäre Erfolge, und im Atlantik fügten die Rudel deutscher U-Boote den amerikanischen Versorgungskonvois schwere Verluste zu, aber spätestens mit dem Desaster von Stalingrad an der Jahreswende 1942/43 war die Wende des Krieges eingeläutet. Das bis dahin blinde Vertrauen des deutschen Volkes in Hitler schwand mehr und mehr, und die Loyalität zum Regime war nur noch durch eine Verbindung von Repression und Propaganda aufrechtzuerhalten - dies aber noch für mehr als zwei Jahre bis zum Mai 1945. Endgültig deutlich wurde die Unabwendbarkeit der deutschen Niederlage im Juli 1943: Die Panzerschlacht bei Kursk musste unter größten deutschen Verlusten abgebrochen werden, von jetzt ab gewannen die sowjetischen Truppen endgültig die strategische Offensive – die Westalliierten landeten in Sizilien und drangen in Süditalien vor, Mussolini wurde entmachtet und durch Marschall Badoglio ersetzt, der am 3. September vor den Alliierten kapitulierte – Ende Juli wurde die Stadt Hamburg durch britische Bombenangriffe in Schutt und Asche gelegt. Im November 1943 erwartete Hitler die Invasion der Alliierten in Westfrankreich im kommenden Frühjahr, die dann im Juni 1944 auch tatsächlich begann. Der Vabanquespieler Hitler, für den es nur Triumph oder Untergang gab und der zu keinem Kompromiss bereit war, war sich damals längst schon des sicheren Untergangs seines Reiches und damit auch seines persönlichen Endes bewusst. In diesen Untergang gedachte er die europäischen Juden mit hineinzuziehen, denen er die Schuld am Krieg zusprach und deren systematische Ausrottung er spätestens seit der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 betrieb. Die Ausstellungstafeln von Wolfgang Sellner illustrieren diesen historischen Hintergrund auf oft sehr eindrucksvolle Weise. So finden sich zahlreiche Dokumente von der Front: Ein Soldat schreibt in einem Feldpostbrief über Nachschubprobleme und die unmenschliche Kälte im russischen Winter. Wir sehen Fotos aus dem Familienalbum einer Zevener Familie: Bilder eines SS-Manns bis hin zum Foto seines Grabes mit der Zuschrift "Heldentod am Ilmensee" . Die Radikalisierung der Kriegsführung an der Heimatfront, die seit 1942 auf vielen Ebenen betrieben wurde und die Goebbels mit seiner Sportpalastrede vom Februar 1943 durch die Ausrufung des totalen Krieges noch voranzutreiben suchte, wird in der Ausstellung u.a. deutlich an den Bemühungen, verstärkt die Arbeitskraft von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern auszubeuten, Frauen für kriegswichtige Aufgaben zu mobilisieren oder den sparsamen Umgang mit Rohstoffen zu forcieren. Die Ausstellung enthält auch ein Gedicht aus Bremen, festgehalten in einer Privatkladde, über die Mühsal, bei den ständigen Bombenangriffen der Alliierten in die Bunker zu fliehen. Der Weltfriedenspreisträger Ivar Buterfas, der sich uns, wie sie wissen, als wirkungsvoller Mitstreiter für eine Gedenkstätte in Sandbostel zugesellt hat, schreibt in seinen Memoiren, dass er als Sohn eines jüdischen Vaters diese Möglichkeit des Schutzes nicht hatte: Die Familie lebte damals in Hamburg-Horn. Durch eine Luftmine waren er und sein Bruder Rolf verletzt worden. Ich zitiere. "Wir waren ziemlich übel zugerichtet und wollten uns in den 50 Meter entfernten Bunker retten. Doch obwohl wir bluteten, verweigerte man uns den Zutritt: 'Juden haben hier nichts zu suchen!'" Der jüdische Gelehrte Victor Klemperer schrieb damals in seinem Tagebuch (unter dem 31. Dezember 1942): "Dies Jahr 42 war von den zehn NS-Jahren bisher das schlimmste: Wir haben immer neue Demütigung, Verfolgung, Misshandlung, Schändung erlitten, Mord hat uns ständig umspritzt, und jeden Tag fühlten wir uns in Todesgefahr".
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