Rede von Dr. Klaus Volland zur Ausstellungeröffnung
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Ansprache zur Eröffnung des zweiten Teils der Ausstellung "Leben unter dem Hakenkreuz" (1940/41)

Dokumentationsstätte Sandbostel, Bremervörde, 8. 11. 03, 15.00 Uhr


Sehr geehrter Herr Hube, sehr geehrte Gäste, liebe Freunde und Kollegen!

Ich freue mich sehr, Sie wieder so zahlreich in unserem Hause begrüßen zu dürfen zur Eröffnung einer Ausstellung – wir residieren zwar am Großen Platz, aber großen Platz haben wir offensichtlich nicht. Sie haben sich bereits die neue Ausstellung von Wolfgang Sellner angeschaut – oder es angesichts der Enge versucht, aber Sie haben ja noch bis zum 30. November Zeit, sich alles in Ruhe anzuschauen.

Wolfgang Sellner präsentiert heute den zweiten Teil seiner auf vier Teile konzipierten Ausstellung "Leben unter dem Hakenkreuz", der Dokumente aus den Jahren 1940 und 1941 zusammenstellt. Es handelt sich wiederum fast durchweg um Originalmaterialien: zahlreiche Zeitungsausschnitte, Privatfotos und -briefe, Prospekte, Plakate, Anzeigen, amtliche Verlautbarungen, Lebensmittelmarken bis hin zur Schallplatte. Die Absicht der Präsentation hier in der Gedenkstätte Sandbostel ist natürlich nicht, Ergebnisse einer naiven Sammelleidenschaft zu zeigen oder unreflektiert NS-Devotionalien auszustellen, es geht uns darum, den Prozess der wahnhaften Kraftüberhebung des NS-Regimes und der fortschreitenden Militarisierung auch des Alltagslebens in Deutschland exemplarisch und anschaulich zu verdeutlichen.

Wir wissen, dass die Kriegsbegeisterung der Deutschen 1939 anfangs nicht sehr groß war. Das änderte sich sichtlich nach den Blitzkriegserfolgen 1940 im Norden und Westen und wiederholte sich 1941 nach den Anfangserfolgen gegen die Sowjetunion. Stets wurde seitens des NS-Regimes von einem Verteidigungskrieg gesprochen: So heißt es in einer Rede Hitlers im März 1940: "Der von den kapitalistischen Machthabern Frankreichs und Englands dem Großdeutschen Reich aufgezwungene Krieg muß zum glorreichsten Sieg der deutschen Geschichte werden." Am 23. Juni 1941, nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, spricht die deutsche Presse von "Moskaus Verrat an Europa", dem das Reich sich zu erwehren habe. Entsprechend wurden auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, von deren Arbeitsleistungen die deutsche Wirtschaft seit Kriegsbeginn ganz wesentlich abhängig war, als potentielle Verräter gesehen. Die Ausstellung macht deutlich, dass nicht nur das NS-Regime, sondern auch die deutsche Wirtschaft damals Siegeszuversicht und die Erwartung eines baldigen Siegfriedens zu verbreiten suchte. Das wird an der Sprache und Bildwahl von Werbeanzeigen großer deutscher Konzerne ersichtlich: Stukas mit der Nase nach unten bei den Firmen Junkers und Borsig, Kampffahrzeuge von Mercedes auf dem Weg zur Front, bei den Autofirmen Steyr und NSU heißt es fast wortgleich: "Im Krieg und im Frieden in vorderster Front" und "Von Sieg zu Sieg in Frieden und im Krieg". Die deutsche Textilindustrie wirbt in einer Anzeige 1941 mit dem Slogan "Arbeit für den Endsieg". Festzuhalten ist: Die Erfolge Deutschlands 1939 bis 1941 wurden immer gegen einen militärisch unterlegenen Gegner erzielt. Schon die Luftschlacht 1940 gegen England ("Wir fahren gegen Engelland" heißt es in einem Werbehinweis der "Pommerschen Zeitung") musste auf Grund der britischen Luftüberlegenheit aufgegeben werden. Dank der Lieferungen von Rohstoffen, Nahrungsmitteln und weiteren Waren aus den besetzten Gebieten im Osten und Norden und seitens der Verbündeten, bis zum 22. Juni 1941 auch seitens der Sowjetunion, konnte der wirtschaftliche Zusammenhalt des Regimes noch gesichert werden. So wurde die Siegeszuversicht damals auch vom gemeinen deutschen Soldaten noch bekundet. In einem Privatbrief eines Wolf-Dieter heißt es 1941: "Hoffentlich erwische ich meine Truppe noch in Polen, denn ich verspüre nicht die geringste Lust, wieder zu einem Ersatztruppenteil zu kommen, während meine Kameraden vielleicht im Irak oder in Afrika kämpfen.(...) Heute kann es einen überall hin verschlagen. Gott sei dank bin ich nicht mehr bei der Kavallerie, sonst hätte ich bis jetzt nicht so viel zu sehen bekommen von der Welt." Der Krieg als riesiges Reisebüro für den deutschen Volksgenossen. Die Ausstellung zeugt auch Privatfotos vom Vordringen der Wehrmacht im Osten. Zeugnisse der Brutalität des Vernichtungskriegs im Osten fehlen allerdings. Deshalb sei aus einem Brief des Polizeisekretärs Mattner in Mogilew an seine Frau vom 5. 10. 1941 über die Erschießung von Juden zitiert: "Ich war also tatsächlich auch dabei bei dem großen Massensterben am vorgestrigen Tage. Bei dem ersten Wagen hat mir etwas die Hand gezittert, als ich geschossen habe, aber man gewöhnt (sich an) das. Beim zehnten Wagen zielte ich schon ruhig und schoß sicher auf die vielen Frauen, Kinder und Säuglinge. (...) Säuglinge flogen in großem Bogen durch die Luft, und wir knallten sie schon im Fliegen ab, bevor sie in die Grube und ins Wasser flogen. Nur weg mit dieser Brut, die ganz Europa in den Krieg gestürzt hat und jetzt auch noch in Amerika schürt, bis es auch dieses in den Krieg hineingezerrt hat. (...) Ich freue mich eigentlich schon, und viele sagen hier, daß wir in die Heimat zurückkehren, denn dann kommen unsere heimischen Juden dran."
Der in Dresden lebende jüdische Gelehrte Viktor Klemperer hat in seinem Tagebuch hellsichtig die ganze Entwicklung begleitet. Am 16. Mai 1940, nach dem deutschen Einmarsch in Holland, Belgien und Frankreich, notierte er: "Hitler ist wie ein Boxer, der in der ersten Runde siegen will und muß; für zwei Runden reicht es nicht aus." Und am 31. 12. 1941, nach dem Scheitern des deutschen Vorstoßes vor Moskau und dem Kriegseintritt der USA, notierte er über seine private Silvesteransprache: Ich hielt eine ernsthafte kleine Rede, so ernsthaft, dass mir beim Anstoßen die Hand flog. Hitler, 'Barnum der Hölle', gehe als richtiger Zirkusdirektor immer auf das 'noch nie Dagewesene' aus, so habe er statt der üblichen sieben mageren Jahre acht magere gebracht, dies achte (sei) schon nicht mehr mager zu nennen, sondern ein Totengerippe, da die Leichenberge im Osten zum Himmel stinken."
Die Ansprache Hitlers aus dem Führerhauptquartier vom 19. 12. 1941 verrät bereits, dass der Führer selbst den Krieg damals schon insgeheim für verloren gab. Hier spricht er davon, die deutschen Soldaten würden ihm treu und gehorsam folgen bis zur "endgültigen Rettung" des Reiches und des Volkes.

Die Ausstellung zeigt insbesondere auch die fortschreitende Militarisierung und Ideologisierung des Kriegsalltags der Deutschen in den Jahren 1940/41: Die Einführung von Lebensmittelmarken, die Aufforderung zur rationellen Umgang mit Rohstoffen und Lebensmitteln im Haushalt ("Heize richtig!"/ "Richtig verwerten heißt besser ernähren") und die zur rationellen, pünktlichen, sicherheitsorientierten Produktion, die fortschreitende Einbeziehung der Frauen in die Rüstungswirtschaft ("Meine Mutti ist Soldat") und der Einsatz von jungen Frauen in der Landwirtschaft ("Mädel packen zu!"). Das antisemitische Machwerk "Jud Süß", in dem auch große Schauspieler wie Werner Krauß und Heinrich George mitwirkten, war damals ein Kinorenner.

Abschließend möchte ich Wolfgang Sellner noch einmal ausdrücklich danken für die gute Zusammenarbeit, ebenso auch Wolfgang Greger und der Praktikantin Sarah Bunk, die Wesentliches für die Herstellung der Ausstellungstafeln bzw. für die Erstellung von Zusatzmaterialien beigetragen haben.

 
     

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