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Eröffnungsrede von Tetjus Tügel zu seiner Ausstellung STALAG
X B im Landhaus Dr. Foerst, Oberklenkendorf
Liebe Gäste,
nach meiner Ausstellung auf dem Radarstützpunkt in Basdahl im letzten
Jahr zeige ich heute meinen Bilderzyklus Stalag 10 B hier im Landhaus
Dr. Thomas Foerst in Oberklenkendorf.
Leider ist vor kurzem unsere Freundin Karin Foerst, die Mutter von Thomas
Foerst, in ihrem Hause verstorben. Diese Ausstellung möge Karin ehren.
Karin wußte schon als junges Mädchen, was Stalag bedeutete.
Das Gelände von Thomas Foerst ist ein Paradies im Moor, in der Wildnis
- ein magischer Ort, nur eine Wiesenlänge vom ehemaligen Kriegsgefangenenlager
Sandbostel entfernt. Das heute für mich immer noch wahrnehmbare Echo
dieser Holle habe ich gemalt und für die Eröffnung der Ausstellung
in den Lebens- und Arbeitsbereich von Thomas Foerst versetzt, in Räume,
mit denen sich leicht das "Vie intellectuelle au camp", das
geistige und musische Leben im Lager, welches für viele Kriegsgefangene
auch eine geistige Überlebenshilfe bedeutete, assoziieren läßt.
Thomas hat mir nicht nur seine Räume für meine Bilder zur Verfügung
gestellt, er ist auch noch bewußt auf das Thema dieser Ausstellung
eingegangen, indem er in dem Teil seines Gartens, der für Schwerstarbeiten
bestimmt ist, eine Lagerzone errichtet hat.
Das Buch zum STALAG 10 B von Dr. Klaus Volland und Werner Borgsen, auch
Gespräche mit Dr. Volland und dessen Frau Johanna, boten meiner Arbeit
faktischen Grund und Boden. Ich bin aber auch schon zweimal ohne zu fragen
in das ehemalige Kriegsgefangenenlager, heute ein umzäuntes Privatgelände
mit noch teilweise vorhandenen Baracken, eingedrungen, erst mit Dr. Foerst,
dann mit Ada und dem jungen Max. Wir wurden davongejagt, weil man uns
wahrscheinlich fur Stalag-Touristen hielt.
Die Stalag-Hölle ist mir nicht nur Bestandteil der ideologisch-politischen
Apokalypse einer widerwärtigen Vergangenheit. Das ware mir zu simpel.
Mich interessiert das, wozu Monster in Menschengestalt fähig sind
und das, was sich als Folge von Schiß vor allem Fremdartigen, als
Ablehnung, als Haß heimlich und in aller Stille in den Brutstätten
des Enggeistes hinter Tüllgardinen entwickelt.
Stalag ist mir Sinnbild fur komprimiertes menschliches Leid über
seine historische Epoche und über Sandbostel hinaus. Ich wünschte
mir, die Erinnerung an Höllen wie Stalag auf der Alltagsplattform
unserer Gegenwart und Zukunft am Leben erhalten zu können und sie
dabei auch aus der Isolation öffentlicher und konventioneller Gewissensvorgaben
zu befreien. Es ist so bequem, das Böse in Gedenkstätten eingelagert
zu wissen und sich nicht an die eigene Nase fassen zu müssen. Die
Erinnerung sei Gegenwart! Sie gehort auf den Küchentisch und Stalagbilder
in die Stuben!
Die Hölle soll offen und erkennbar sein. Ich will wissen, woran ich
bin. Ich will keine geschönte Welt, sondern eine wahre, damit ich
mich ihr stellen und Gottes vielfältige und sich immer wieder erneuernde
Schöpfung mit meinen Mitteln der Kunst huldigen kann. Brutalität,
Decadence, Scheinheiligkeit, Gnadenlosigkeit und starre Regelwerke, dieser
Wahnsinn der Normalität, mit dem sich Menschen systematisch vernichten,
gehört auf die Müllhalde!
Es war für mich nicht einfach, das Thema emotionell und malerisch
zu bewältigen. Ich habe mich mitten ins Lager gestürzt und sogleich
losgelegt. Dabei spürte ich deutlich am eigenen Leibe, daß
der Expressionismus, der in den achtziger Jahren auf erfrischende Weise
wieder aufkeimte und den eingeschworenen sterilen, akademischen Salonkunst-Cliquen
einen kräftigen Seitenhieb verpaBte, seinen Saft noch immer nicht
verloren hat.
Ich hoffe, es ist mir geglückt, diese laute und nachdenkliche Stille,
die ich hier in unserer Gegend schon früh durch meinen Vater schätzen
lernen konnte, nicht nur sichtbar, auch hörbar gemacht zu haben.
Diese Stille wird heute abend auch öorbar werden durch Dr. Foerst
am Klavier.
Ab Montag nächster Woche werden meine Bilder in der Stalag-Gedenkstätte
in Bremervörde, Großer Platz Nr. 4, vorerst 14 Tage lang zu
sehen sein.
Vielen Dank!
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