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Leben unter dem Hakenkreuz
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Ansprache von Dr. Klaus Volland zur Eröffnung des vierten und letzten Teils der Ausstellung "Leben unter dem Hakenkreuz: Vor 60 Jahren – Das Ende des Krieges 1944/45" |
Dokumentationsstätte Sandbostel, Bremervörde, 16. 4. 05, 15.00 Uhr Meine Damen und Herren, liebe Freunde und Kollegen! Ich haben die Ehre und Freude, heute den vierten und letzten Teil des Ausstellungszyklus' "Leben unter dem Hakenkreuz" des unermüdlichen Bremervörder Sammlers Wolfgang Sellner hier in der Dokumentationsstätte Sandbostel zu eröffnen und freue mich, Sie aus diesem Anlass begrüßen zu dürfen. Auf den zwölf Ausstellungstafeln sind wie in den bisherigen Präsentationen überwiegend Originalmaterialien zu sehen: Privatfotos und -briefe, Werbeprospekte, Abrechnungsbelege, Zeitungsseiten und vieles andere. Hervorheben möchte ich eine Postkarte aus einem Gefangenenlager in den USA oder auch die Originalschellackschallplatte "Lili Marleen". Zahlreiche Sammelstücke entstammen wiederum dem Elbe-Weser-Bereich, insbesondere dem Raum Bremervörde und Lamstedt. Bis zum Mai 1944 stagnierte der militärische Vormarsch der Alliierten an allen Fronten. Der erfolgreiche Beginn der Invasion der Amerikaner und Briten in der Normandie am 6. Juni war ein entscheidender Fortschritt. Am 9. Juni wurde Rom eingenommen, am 25. August Paris. Zwar gelang es der deutschen Führung mit der Ardennenschlacht im Dezember 1944 noch einmal, die Großoffensive der Westalliierten nach Deutschland hinein aufzuhalten, doch diese setzte nach dem 23. Februar mit voller Wucht ein. Im Januar hatte die Rote Armee ihre Offensive an der Ostfront ins Reichsgebiet hinein aufgenommen, am 27. Januar erreichte sie Auschwitz und kämpfte sich unter großen Verlusten nach Schlesien und schließlich nach Berlin vor. Am 25. April fand die historische Begegnung amerikanischer und sowjetischer Truppen in Torgau an der Elbe statt. Am 30. April nahm sich Adolf Hitler das Leben. Am 4. Mai kapitulierten die deutschen Truppen des Nordwestbereichs gegenüber Feldmarschall Montgomery in der Lüneburger Heide, am 7. Mai gegenüber den Westalliierten in Reims, am 8./9. Mai gegenüber der Sowjetunion in Berlin-Karlshorst. Gemäß den Beschlüssen der Konferenzen von Jalta und Potsdam wurde das besiegte Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt, die Gebiete östlich der Oder und der Lausitzer Neiße wurden unter polnische Verwaltung gestellt. Unsere Region wurde Teil der britischen Besatzungszone. Mit den "Vergeltungswaffen" V 1 und V 2, mit der Heranziehung von Jungen und Mädchen für militärische Verteidigungsaufgaben, mit der Bildung eines Volkssturms und zuletzt mit der Bildung von Werwolfgruppen hinter der Front war das NS-Regime dabei gescheitert, das Vordringen der feindlichen Truppen zu verhindern oder zu behindern. Der „Nero-Befehl“ Hitlers vom März 1945, beim Rückzug alle vom Feind nutzbaren Industrieanlagen und Versorgungseinrichtungen in Deutschland zu vernichten, wurde nur in Ansätzen realisiert. Allerdings gelang es dem Regime, die seit 1933 auf Grund bestimmter sozialpolitischer Maßnahmen und außenpolitischer Erfolge bestehende Massenloyalität der Deutschen bis zuletzt weitgehend zu erhalten durch die demagogische Beschwörung des preußisch-deutschen Befreiungskrieges von 1813 und durch die lange währende antisemitische, antibolschewistische und rassistische Propaganda, die auch nach dem Kriegsende noch fortwirkte und fortwirkt. Ich darf ein sehr eindrucksvolles Beispiel für die Wirkung dieser Propaganda aus einem kürzlich in der Frankfurter Rundschau veröffentlichten Bericht einer Frau anführen, die sich nach 60 Jahren erinnert: Am 31. März 1945 rücken amerikanische Truppen in das Taunusdorf Michelbach ein. Die Mutter der Berichterstatterin beobachtet das Geschehen vom Fenster aus, die drei Töchter verschanzen sich hinter der eichenen Aussteuertruhe. Ich zitiere: " Die große Schwester flüstert mir immerzu beschwörend ins Ohr: ‚Hab keine Angst, sei ganz ruhig! Unser Führer lässt uns nicht in Feindeshand fallen. Er hat genug Gas bereitstellen lassen.’ (…) Ich selbst habe eigentlich keine Angst! Ich weiß nur, dass der Krieg jetzt aus ist und keine Flugzeuge mehr Bomben werfen und keine Tiefflieger mehr auf uns schießen werden. Dass sich meine Schwester den Tod herberwünscht, ist mir überhaupt nicht bewusst. (...) Als meine Mutter und die Kleine triumphierend den ersten amerikanischen Jeep melden, verstummt und erstarrt die Große. /Bald klopft es an der Tür, herein kommt ein dunkelhäutiger Soldat und fragt in undeutlichem Deutsch: ‚Hier Mann? Hier Soldat? Hier Waffen?’ Er inspiziert freundlich grinsend die beiden Räume, streichelt die blonden Locken meiner an den Türrahmen gelehnten kleinen Schwester, drückt ihr einen Riegel Cadbury in die Hand und verschwindet mit einem fröhlichen ‚Bye’. / Kaum ist die Tür geschlossen, schießt Leben in meine große Schwester, sie reißt der Kleinen die Schokolade aus der Hand, wirft sie auf die Erde und trampelt wie besessen schreiend darauf herum. (...) Alles, was man ihr in Schule und bei der Hitlerjugend vermittelt hatte, lag jämmerlich in Trümmern. Die verteufelten Todfeinde lächeln uns freundlich zu und die ‚grausame’ Feindeshand verschenkt Schokolade!" Dieses Zitat ist zugleich ein Beleg für das Schicksal von Menschen, die den Krieg letzten Endes glücklich überstanden haben. 55 Millionen Menschen sind weltweit in diesem Krieg umgekommen. Opfer des nationalsozialistischen Regmies wurden viele Millionen Soldaten und Zivilisten. Hervorzuheben sind insbesondere aber auch die Millionen aus rassistischen oder politischen Gründen Verfolgten und Ermordeten: Juden, sogenannte Zigeuner, sowjetische Kriegsgefangene, Sozialdemokraten, Christen und Kommunisten im Widerstand, Behinderte und viele andere Gruppen. Auch die Millionen ab Januar 1945, viel zu spät, aus dem Osten Deutschlands Evakuierten und Geflüchteten – vielfach Opfer von Erschießungen, Verschleppungen, Vergewaltigungen und Schiffstorpedierungen – waren letzten Endes Opfer des NS-Regimes und seiner verbrecherischen Durchhaltebefehle. Wolfgang Sellners Ausstellung macht diesen ereignisreichen und durch einen nicht unbedingt umfassenden politischen Umbruch gekennzeichneten Zeitraum 1944/45 anhand zahlreicher Materialien anschaulich deutlich. Dem Betrachter wird deutlich, dass der Krieg in jeden Ort und in jeden Haushalt hineinwirkte. An die deutschen Frauen ging über die Zeitung die Aufforderung: "Auch die Hausfrau kann zur Rüstung beitragen: Einsparungen an Holz, Kohle und Eisen in der Küche". Der Müller von Malstedt lässt sich bescheinigen, dass ihm seine Mühle und 360 Stück Leihsäcke bei Kampfhandlungen im Dorf verbrannt seien. Im August 1945, also in der Besatzungszeit, erhält der gleiche Müller die Transportrechnung eines Bremervörder Unternehmens, auf der die Grußformel "Heil Hitler" nur oberflächlich getilgt ist. Möge die Präsentation dieser Ausstellung ein kleiner Beitrag zu dem Ziel sein, das uns wohl alle verbindet: "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!" Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. |